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Geschichtswerkstatt

 

MAZ / 16.04.2011

GESCHICHTSWERKSTATT: Sprengstoff als Likör getarnt

Mehrere Verschwörer gegen Hitler hinterließen in Rangsdorf ihre Spuren

Von Gudrun Schneck

RANGSDORF – Eine direkte Verwandtschaft ist nicht nachzuweisen – die Familie von Schlabrendorff hatte mehrere Zweige. Von 1691 bis 1725 waren die Schlabrendorffs Besitzer des Gutes Groß Machnow. Mehr als zwei Jahrhunderte später riskierte ein Nachfahre, Fabian von Schlabrendorff, sein Leben mit dem Versuch, Adolf Hitler zu töten. Eike Mewes, Mitglied der Geschichtswerkstatt Rangsdorf, wies kürzlich bei einer Veranstaltung darauf hin, dass der Widerständler nicht direkt aus dem Großmachnower Zweig stammte, wohl aber aus dem Familienclan.

Fabian von Schlabrendorff wurde am 1. Juli 1907 in Halle geboren. Er war Ordonnanzoffizier bei Stabschef Henning von Tresckow. Eike Mewes schilderte den Attentatsversuch folgendermaßen: „13 Flugzeuge gehörten zur Regierungsstaffel Hitlers, die Tag und Nacht bewacht wurden. Mit welcher Maschine Hitler zu Truppenbesuchen flog, blieb bis zum Schluss geheim. Trotzdem versuchte der Stabschef der 2. Armee an der Ostfront, Oberst Henning von Tresckow, gemeinsam mit Fabian von Schlabrendorff, durch Hinterlegung von Sprengladungen in Hitlers Flugzeug ein Attentat auf den Führer. Es geschah am 13. März 1943 vor Smolensk. Bei einem Gespräch mit Oberstleutnant Heinz Brandt hörte von Tresckow heraus, mit welcher Maschine Hitler nach Rastenburg fliegen sollte. Daraufhin fragte er Brandt, ob er einem gemeinsamen Bekannten, dem Oberst Helmut Stieff, ein Päckchen übergeben könnte, zwei Flaschen Cointreau, die er als Wettschulden einzulösen hatte. Brandt sagte arglos zu. Fabian von Schlabrendorff präparierte die Flaschen und überreichte Brandt kurz vor Eintreffen des Führers das Päckchen. Wegen der Kälte im Flugzeug explodierte der Säurezünder nicht. Am Morgen darauf flog von Schlabrendorff unter höchstem Risiko mit einem Kurierflugzeug nach Ostpreußen, suchte Brandt auf, bevor dieser das Päckchen weiterleiten konnte, und nahm es wieder mit.“

Eike Mewes berichtete weiter, dass Fabian von Schlab-rendorff nach seiner Verhaftung trotz grausamster Folter nicht gestand und erst nach vier Wochen verriet, was man ohnehin schon wusste. Nur durch Zufall überlebte er. Bei einem Bombentreffer am 3. Februar 1945 auf das Gebäude des Volksgerichtshofs kam dessen Präsident ums Leben. Er soll bei seinem Tod die Akte von Schlabrendorff dabei gehabt haben, die so verloren ging. Mitte März erreichte von Schlabrendorff vor dem Volksgerichtshof einen Freispruch. Er kam jedoch in mehrere KZs. Mit weiteren prominenten Häftlingen wurde er von Dachau in Richtung Südtirol transportiert, als Faustpfand für mögliche Verhandlungen. Dieser Transport wurde befreit. Nach dem Krieg wurde Fabian von Schlabrendorff Jurist und war von 1969 bis 1975 Richter am Bundesverfassungsgericht.

„Widerstand gegen das Nazi-Regime gab es zwar in Rangsdorf, er machte sich aber kaum bemerkbar. Neben Stauffenberg und Haeften, die ja nicht in Rangsdorf lebten, ist aktiver Widerstand nur durch Oberst Hansen überliefert, der mit seiner Familie im Grenzweg 1 in Rangsdorf wohnte“, so Mewes.

Auch Georg Hansen gehörte zur Widerstandsgruppe um Oberst Schenk von Stauffenberg und Henning von Tresckow. Das Haus im Rangsdorfer Grenzweg diente ab 1940 als konspirativer Treff. Nach dem missglückten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde auch Georg Hansen hingerichtet. Seine Kinder verschleppten die Nazis in ein Heim in Bad Sachsa im Harz. Insgesamt 46 Kinder von Verschwörern brachte man dorthin. Die Kinder sollten ihre Eltern vergessen, auf Linie gebracht und später von parteitreuen Nationalsozialisten adoptiert werden.

Die Gemeinde Rangsdorf hat gemeinsam mit dem Kulturverein Rangsdorf, zu dem die Geschichtswerkstatt gehört, eine Gedenktafel für die Kinder der Verschwörer des 20. Juli 1944 gestiftet. Sie soll am 14. Mai in Bad Sachsa zusammen mit der dortigen Bürgermeisterin feierlich eingeweiht werden. Zur Rangsdorfer Delegation gehören unter anderem der Rangsdorfer Bürgermeister Klaus Rocher (FDP), der Leiter der Geschichtswerkstatt Stefan Rothen und Eike Mewes.

Die Geschichtswerkstatt Rangsdorf existiert seit drei Jahren. Sie betreibt Forschungen zur Ortsgeschichte, veranstaltet Lesungen und gibt Broschüren heraus.