Geschichtswerkstatt | # Kulturverein Rangsdorf e.V.

Geschichtswerkstatt

Ortsgeschichte zum Anfassen – Die Geschichtswerkstatt

Die Geschichtswerkstatt trifft sich regelmäßig einmal im Monat normalerweise am 2. Montag des Monats im evangelischen Gemeindezentrum. Zu dieser Zusammenkunft sind alle interessierten Bürger herzlich eingeladen.

Die Zossener Rundschau der MAZ titelte am 29.04.2009 „Das Ende einer schwierigen Geburt“ und meinte damit die Gründungsversammlung des Kulturvereins Rangsdorf e.V. Im Mai 2009 versammelte sich der neu gegründete Kulturverein zu seiner ersten Vorstandsitzung, um über die Projekte Rangsdorfmuseum und die Geschichtswerkstatt zu beraten. Kurze Zeit später luden der Rangsdorfer Bürgermeister und der Kulturverein gemeinsam zur Bildung der Geschichtswerkstatt ein, die von nun an Teil des Kulturvereins sein wird. Doch schon lange vor Gründung des Kulturvereins gab es historisch interessierte Rangsdorfer, die im Sinne der jetzigen Geschichtswerkstatt agierten und organisierten.

Die erste Beratung der Geschichtswerkstatt fand im Juli 2009 statt. Auf jedem dieser Treffen soll in Zukunft ein Kurzvortrag Historisches aus der Siedlungsgeschichte von Rangsdorf, Klein Kienitz und Groß Machnow aufgezeigt werden. Die Beratungen sind öffentlich, Gäste bzw. neue Mitstreiter sind herzlich willkommen. Auch das „Museum des Teltow in Wünsdorf“ hat erste Signale für eine intensive Zusammenarbeit gegeben. Denn das Motto der Geschichtswerkstatt ist ähnlich dem eines Museums: Zeugnisse menschlichen Daseins erwerben, bewahren, erforschen, bekannt machen und ausstellen zum Zwecke des Studiums, der Erziehung, der Bildung und der Erbauung.

Wir wollen Rangsdorfer Geschichte erleben, erlebbar machen und weiter erforschen. So sollen Tatsachen aus der neueren und neuesten Geschichte aufgearbeitet und in eine Ortschronik überführt werden. Ausstellungen, historische Führungen und Vorträge können organisiert werden, Feldforschung und Internetrecherchen unterstützen diese Arbeit. Besonderes Interesse gilt der Entdeckung weiterer Dokumente aus der Siedlungs- und Bebauungsgeschichte der Gemeinde.

Dabei sind wir u. a. auf die Mithilfe der Mitbürger der ganzen Gemeinde angewiesen: „denn in Scheunen und auf Dachböden lassen sich in unserer Region genau jene Zeugnisse der Siedlungsgeschichte finden, die die überlieferten Geschichten zu einem historischen Ganzen zusammenfügen“, meint Stefan Rothen, der Leiter der Geschichtswerkstatt. „Um die Ergebnisse unserer und Ihrer Arbeit der breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können, wird in jedem Jahr das hier vorliegende Heft erscheinen – die „Geschichten aus Rangsdorf, Groß Machnow und Klein Kienitz“.

Fühlen Sie sich also angesprochen, uns mit Rat und Tat, mit Dokumenten und Hinweisen zu unterstützen. Für Anregungen und Kritiken sind wir offen. Denn die „Geschichten aus Rangsdorf, Groß Machnow und Klein Kienitz“ sollen jedes Jahr ein Stück mehr Geschichte und Geschichten der Gemeinde festhalten, mal zu diesem, mal zu jenem Thema.

Wir möchten Sie einladen, mit uns Geschichte zu schreiben: zum lesen, immer wieder lesen und sammeln und natürlich auch zum verschenken.

 

Alte Rangsdorfer Ansichten finden Sie auf der  Webseite der Gemeinde Rangsdorf.

 

 

Stolpersteine zur Erinnerung an die ehemalige Rangsdorfer Familie Ludomer

Am Freitag, dem 2. Juni 2017, werden ab 11 Uhr in Berlin-Schöneberg, Willmanndamm 5, die Stolpersteine verlegt: für Arnold und Henriette Ludomer, deren Tochter Hilma und Minna Stümpel, die Tante von Henriette. Die Schöneberger Wohnung war ihre letzte Adresse. Von dort wurden Hilmas Eltern im Oktober 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Die noch nicht 18jährige Hilma konnte untertauchen und versteckt überleben – auch mit der Hilfe von Freunden der Familie aus der Rangsdorfer Zeit. Minna Stümpel blieb allein zurück, bis sie im März 1943 im Alter von 84 Jahren in das sogenannte Altersghetto Theresienstadt deportiert wurde und dort starb. Nach Kriegsende wanderte Hilma in die USA aus, heiratete und bekam eine Tochter und einen Sohn.

Das Wohnhaus im Willmanndamm 5 ist sechs Gehminuten vom U-Bahnhof Kleistpark entfernt. Von Rangsdorf kommt man mit dem RE5 und der S2 zum Bahnhof Yorckstr. und steigt dort in die U2 um. Es wäre ein schönes Zeichen für die Angehörigen, wenn auch einige Rangsdorfer Bürger an der Verlegung teilnehmen könnten. Es sind einige Plätze in Privatautos der Mitglieder der Geschichtswerkstatt frei. Bei Interesse bitte im Tourismusbüro, Rathaus Rangsdorf, anmelden.

Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig werden von ihm seit Jahren in Deutschland und in anderen europäischen Ländern verlegt. Es sind kleine Denkmäler im Straßenpflaster vor den Wohnhäusern der damaligen Bewohner, für ehemalige Nachbarn, die in Nazi-Deutschland verfolgt und zumeist auch ermordet wurden, weil sie Juden waren oder aus anderen Gründen aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen wurden. Viele Stolpersteine sind in den vergangenen Jahren von Hausgemeinschaften, lokalen Initiativen oder von Schulklassen bestellt worden, die in Archiven die Schicksale von Menschen aus ihrer Wohngegend recherchiert hatten. Hinzu kommen Angehörige von Ermordeten, die Stolpersteine verlegen lassen. Neben der Erinnerung an einen Menschen kann ein Stolperstein auch als eine symbolische Bestattung empfunden werden, weil es damals kein Grab für die Ermordeten gab. Die Stolpersteine am Willmanndamm werden auf Initiative der Rangsdorfer Geschichtswerkstatt und des Bürgermeisters Rocher verlegt. Wir haben zwei Jahre auf den Termin warten müssen.

Die Gemeinde Rangsdorf hatte 2011 mit der Aufstellung einer Gedenktafel vor dem ehemaligen Ludomer-Haus Unter den Eichen 6 an die jüdische Familie erinnert, die im November 1938 von Rangsdorfer SA-Männern durch einen nächtlichen Anschlag auf das Haus vertrieben wurde. Kinder, Enkel und Cousinen von Hilma aus den USA, England, Norwegen und Israel nahmen auf Einladung der Gemeinde daran teil. Zum Dank haben Hilmas Tochter und Sohn die Bank vor dem Ärztehaus Seebadallee 1 gestiftet.

Geschichte der Familie Ludomer zu Download

 

MAZ / Freitag, 5. November 2010

Das Leben von Jan Baczewski
Ein Themenabend bringt einen ehemaligen Einwohner von Rangsdorf näher

Mit Fotos, Dokumenten und Erinnerungen zeichneten ein Historiker

und die Enkelinnen Baczewskis ein Bild des couragierten Mannes

 

Von Andrea von Fournier

Rangsdorf / Durch den Brandanschlag auf ein Holzhaus in der Kurparkallee erfuhren die Rangsdorfer von den Erbauern und ersten Bewohnern, der Familie Baczewski. Dass mit Jan Baczewski (1890-1958) und dessen Sohn Johannes (1921-2004) freie Geister und besonders engagierte Einwohner im Ort lebten, erfuhren Interessierte bei einem spannenden Abend in der Aula der Oberschule. Die Geschichtswerkstatt des Kulturvereins hatte Historiker mit der thematischen Recherche beauftragt. Norbert Kampe, Leiter der Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“ und seit Mitte der 1990er Jahre Rangsdorfer, moderierte die Veranstaltung.

Kampe gab einen Überblick über drei Generationen der Familie Baczewski und begrüßte die Enkelinnen von Jan Baczewski, Gabriela und Elzbieta, die heute in Rangsdorf leben. Historiker Sebastian Nagel hat sich eingehend mit Jan Baczewski befasst. Seinen Vortrag illustrierte er mit vielen historischen Fotos und Dokumenten aus verschiedenen Archiven.

Baczewski, Ermländer aus Allenstein, wuchs in einem katholischen Elternhaus auf. Er verstand sich als Vertreter der polnischen Minderheit. Nach dem ersten Weltkrieg trat er für die Eingliederung des Ermlandes in den neuen polnischen Staat ein. Doch Masuren und Ermland wurden an Deutschland angegliedert. 1920 gehörte Baczewski zu den Gründern der Vereinigung der Polen in Ostpreußen. 1922 gründete er den Bund der polen in Deutschland und wurde bis 1928 einer von zwei polnischen Abgeordneten im preußischen Landtag. Bereits vor seiner Wiederwahl 1924 konzentrierte er sich auf die Bildungs- und Kulturpolitik. Er gründete den polnischen Schulverband in Deutschland. So konnten polnischsprachige Schulen und zwei Gymnasien entstehen. 1929 übersiedelte Jan Baczewski nach Berlin und baute das Sommerhaus in Rangsdorf, in dem die Familie auch lebte.

1933 markierte einen Wendepunkt für die Polen in Deutschland und für Baczewski. Wegen Querelen innerhalb seines Bundes zog er sich von seinen Ämtern zurück. Er arbeitete als Prokurist beim Rangsdorfer Rittergutsbesitzer Henning. Doch blieb er ein genauer Beobachter, Kommentator und scharfer Kritiker der neuen Minderheitenpolitik unter Hitler. 1939 wurde er verhaftet und saß in Potsdam und im KZ Sachsenhausen ein. Durch Kontakte seines in der Wehrmacht als Offizier dienenden Sohnes Johannes kam er im mai 1940 frei.

Enkelin Gabriela las aus den Memoiren des Großvaters. Am eindrucksvollsten war ein Tonzeugnis von vor 30 Jahren: Im Interview schildert ihr Vater Johannes auch die NS-Zeit in Rangsdorf. Er spricht von Nachbarn, die der Familie halfen und selbst Ärger mit dem faschistischen Staat bekamen. Und von den anderen Mitbürgern, von der Gestapo und einer besonders aktiven NSDAP-Ortgruppe, die seine damalige Freundin und spätere Mutter von Elzbieta und Gabriela auf deren Arbeitsstelle denunzierte, will sie als Deutsche mit „solchen Leuten“ verkehrte.

Die Familie Baczewski ging 1945 nach Polen. Obwohl der Großvater sofort Bürgermeister wurde und ab 1947 für fünf Jahre Abgeordneter der Bauernpartei im Sejm war, wurden sie nie warm mit der Obrigkeit. „Für die Polen waren wir Deutsche, für die Deutschen Polen“, sagt Gabriela ohne Bitterkeit. Weil ihr Vater wegen seiner Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier nicht die erhoffte Stelle bekam und die Mutter fern ihrer Berliner Heimat erkrankte, beschlossen die Eltern, nach Deutschland zu gehen. Im Mai 1967 kamen sie in Cottbus an. Die Mädchen hatten sich bis dahin strikt geweigert, deutsch zu lernen. „Besonders Mutter litt darunter, dass wir keine deutschen Gedichte und Lieder mit ihr lernten“, so die Töchter.

Das hat sich in über vier Jahrzehnten geändert. Aufgeregt, warmherzig und detailreich berichteten die beiden Frauen von Vater und Großvater. Bürgermeister Klaus Rocher verkündete am Schluss, dass eine Gedenktafel für das haus der Baczewskis in Auftrag gegeben wird.

 

 

MAZ / Dienstag, 2. November 2010

Die Kinder des 20. Juli
Sippenhaft für Familien der Verschwörer / Karsten Hansen berichtete
Die Gemeinde Rangsdorf und die Geschichtswerkstatt des Kulturvereins Rangsdorf erinnerten am Samstag mit einer Veranstaltung an Georg Hansen, der zur Widerstandsgruppe um Oberst Schenk von Stauffenberg gehörte. Hansen wohnte zeitweise in Rangsdorf.

 

Von Andrea Keil

Rangsdorf / Nach dem missglückten Hitler-Attentat wurden die Verschwörer exekutiert. Deren Frauen kamen in Gefängnissen oder KZs, die unter 15-Jährigen wurden heimlich in ein abgelegenes heim in Bad Sachsa im Harz verschleppt. Wie die Kinder des Rangsdorfer Stauffenberg-Konspiranten Georg Alexander Hansen die Blutrache erlebten, berichtete der Sohn des Widerstandskämpfers, Karsten Hansen, bei einer historisch-politischen Gedenkveranstaltung in der Rangsdorfer Seeschule

Wenn es nach Georg Hansen, Chef der militärischen Abwehr, gegangen wäre, hätte das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg initiierte Hitler-Attentat noch viel generalstabsmäßiger durchgeführt werden müssen. Das ergaben die Recherchen seines Sohnes Karsten Hansen, der mithilfe einiger Zeitzeugen die Tage vor dem Attentat am 20. Juli 1944 rekonstruieren konnte. Hansen war der Überzeugung gewesen, dass es mehr aktiv eingebundene Mittäter hätte geben müssen. Stattdessen flog Stauffenberg damals nur mit wenigen Männern vom Flugplatz Rangsdorf an die im heutigen Polen gelegene Wolfsschanze. Hansen selbst musste zur Taufe seiner jüngsten Tochter Dagmar. „Wäre er nicht dorthin gefahren, hätte das Verdacht erregt“, so Karsten Hansen.

Doch Hitler überlebte und Stauffenberg wurde standrechtlich erschossen. Nur zwei tage später kamen die Nazis auch Hansen im Tarn-Barackenlager „Belinda“ bei Baruth, in dem ein Teil von Hansens Abwehr stationiert war, auf die Schliche. Denn in seinem Haus im Grenzweg 1 in Rangsdorf hatten sich wiederholt Hitlergegner getroffen, hier wurde unter anderem der Schlachtplan des Staatsstreiches vorbereitet. Am 22. Juli 1944 verhaftet, wurde Hansen am 10. August zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Was danach geschah, entspringt den perfiden Plänen des SS-Reichführers Heinrich Himmler. Er sann auf Blutrache. So kam es, dass im Sommer 1944 insgesamt 46 Kinder nach Bad Sachsa verfrachtet wurden, darunter neben den Stauffenberg-Sprösslingen auch die fünf Hansen-Kinder. Neben seinen beiden älteren Brüdern Hans-Georg und Wolfgang waren außer dem sechsjährigen Karsten auch seine beiden jüngeren Schwestern, die einjährige Frauke und die gerade einmal zehn Tage alte Dagmar, interniert worden. Hier in einem ehemaligen Erholungsheim für Arbeiterkinder, das extra für den Zweck der Sippenhaft komplett geräumt worden war, sollten die Kinder des 20. Juli auf Linie gebracht werden, ihre Eltern vergessen, um an parteitreue Nationalsozialisten in Adoption vermittelt zu werden. „Dazu erhielten wir sogar Falschnamen“, erinnert sich Karsten Hansen, „doch erst einmal wussten wir damals überhaupt nicht, wo wir waren und warum. Genauso wenig wussten wir, was unser Vater getan hatte. Wir hatten schreckliches Heimweh!“.

Dass ihnen Schlimmeres erspart wurde, hatten die Verschwörer-Kinder nur einem alliierten Bombenangriff zu verdanken. Am Ostermontag 1945 sollten die Kinder wieder nach hause fahren dürfen – hieß es. Sie packten ihre Sachen, doch ein Bombenangriff, der sie auf dem Weg zum Zug überraschte, legte den Bahnhof in Trümmer. Und so ging es zurück ins Kinderheim. Vielleicht hat das Vielen von ihnen das Leben gerettet. Denn in Wahrheit sollten sie ins KZ Buchenwald gebracht werden. Nach fast eineinhalb Jahren in Bad Sachsa durften die Kinder schließlich wieder zu ihrer inzwischen freigelassenen Mutter nach Michelau.

Zum Gedenken an die Widerstandskämpfer um Claus Schenk von Stauffenberg legte Rangsdorfs Bürgermeister Klaus Rocher (FDP) im rahmen der Lesung am Gedenkstein für die Attentäter auf dem Parkgelände der Seeschule, dem ehemaligen Offizierscasino des Rangsdorfer Flugplatzes, einen Kranz nieder. Einen ähnlichen Gedenkstein will Rangsdorf nun für die internierten Verschwörer-Kinder in Bad Sachsa stiften.

Die Aula der Seeschule Rangsdorf war bei dieser bewegenden Veranstaltung, die von Eike Mewes moderiert wurde, bis auf den letzten Platz besetzt.

 

zurück