3. Rangsdorfer Abend | # Kulturverein Rangsdorf e.V.

3. Rangsdorfer Abend

Presseartikel zum 3. Rangsdorfer Abend am 3. November 2011

MAZ / Sonnabend/Sonntag, 5./6. November 2011

MENSCHEN: Sau kam lebend in die Küche

Meisterkoch Klaus-Jürgen Boldt erzählte aus seinem Leben

RANGSDORF – Klaus-Jürgen Boldt versorgte Bundesministerien mit Speisen und richtete Staatsempfänge des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog aus. Am Mittwoch konnte man den Rangsdorfer beim 3. „Rangsdorfer Abend“, einer Veranstaltungsreihe des örtlichen Kulturvereins, kennen lernen. Der mittlerweile knapp 70-Jährige wohnt seit zwölf Jahren im Kiefernweg. Vereinsmitglied und Moderatorin Gisela Hoffmann entlockte dem Koch aus Leidenschaft so manch lustige Episode. So reiste Boldt als Küchenchef des Hotels „Unter den Linden“ unter anderem in die Mongolei. Dort wollte er einmal typisch deutsche Schweinefleischgerichte kochen: „Aber das Schwein kam lebend in die Küche.“ Er, der Junge vom Lande, hatte oft beim Schlachten zugeschaut. „Allerdings war nirgends ein Bolzenschussgerät aufzutreiben. Ich musste mich – und das war eher nicht so toll – mit der flachen Seite der Axt begnügen, um das Tier zu betäuben.“

Klaus-Jürgen Boldt wurde 1942 in Schlesien geboren, die Familie musste fliehen und landete in Sachsen. Der Großmutter hatte er immer beim Kochen zugeschaut und schon als Knirps gedacht: „So machst du das später auch.“

Gelernt hat er in Spitzenhotels, im „Chemnitzer“, im „Erfurter Hof“ und im „Astoria“ Leipzig. Nach der Lehre arbeitete er unter anderem im Berliner Klub der Künstler- und Kulturschaffenden „Die Möwe“ und im Hotel „Berolina“. Da hatte er längst auch seine Liebe in Berlin gefunden. Klaus-Jürgen Boldt schloss einen Meisterlehrgang erfolgreich ab und hängte nebenberuflich noch ein Studium dran, das sich heute mit Betriebswirtschaftslehre vergleichen lässt.

Mit 31 Jahren wurde er Küchenchef des gerade neu erbauten Hotels „Unter den Linden“. „Ich hatte 40 Köche unter mir und 15 Lehrlinge. Das war schon eine Herausforderung“, sagt er. Die internationale Anerkennungswelle der DDR in den 70er Jahren bescherte dem Hotel Diplomaten aus aller Herren Länder. „Wir haben viele Produkte verarbeitet, die man in der DDR nicht kannte: Papaya, Kiwi, Austern, Muscheln, nur den russischen Kaviar, den hatten wir.“

1978 konnte Klaus-Jürgen Boldt für eine Million D-Mark in Schweden eine komplett neue Kücheneinrichtung für das Hotel kaufen. Mittlerweile war er ein in der kleinen DDR gefragter Koch, der auch im Rundfunk und Fernsehen regelmäßig vertreten war.

Bis 1996 blieb er im Hotel, „dann bekam ich Torschlusspanik und nahm das Angebot an, eine große Werkskantine in Pankow zu führen.“ Ein Jahr später machte er sich dort mit einem Partner schließlich selbstständig. Nicht nur 700 bis 800 Werksessen wurden täglich hergestellt, sondern auch Menüs für Staatsgäste der Bundesregierung. Aber der jahrzehntelange „Halbtagsjob“ – zwölf Stunden täglich – hatte seiner Gesundheit zugesetzt. 2006 entschloss sich Klaus-Jürgen Boldt, in den Ruhestand zu gehen.

Inzwischen sitzt der Küchenmeister in der Prüfungskommission für Köche und Küchenmeister der DIHK und schreibt Kochbücher. 20 davon gibt es im handlichen Miniformat. Und noch immer experimentiert er in der heimischen „stinknormalen“ Küche – zur Freude seiner Frau, die so gar nichts vom selber Kochen hält. (Von Heidi Borchert)

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